Die Pilgerfahrt

Full width Page

about1

Die Pilgerfahrt nach Mekka gehört zu den fünf Säulen des Islam. Ein Erfahrungsbericht.

Die Hajj gehört wohl zu den eindrücklichsten Erlebnissen im Leben eines jeden Muslims. Allah (t.) gab mir und meiner Frau im Jahre 1990 die Möglichkeit, diese ‘Ibada zusammen mit einigen anderen Brüdern und Schwestern durchzuführen, alhamdu-lillah.

Nach einer kurzen Einführung in die Hajj möchte ich in einem zweiten Teil über unsere  Erlebnisse und Erfahrungen berichten. Die Hajj – eine der fünf Säulen im Islam – ist eine  Pflicht für alle Muslime, welche sowohl materiell als auch körperlich dazu imstande sind.

In der Sura Al-i ‘Imran heisst es nämlich: “Wahrlich, das erste Haus, das für die  Menschen errichtet worden ist, ist das Haus von Bakka (alter Name für Mekka), ein Segen und eine Rechtleitung für (die Menschheit) aller Welt. Darin sind deutliche  Zeichen, so die Stätte Abrahams; wer dort eintritt, ist in Sicherheit. Die Menschen sind  Gott gegenüber verpflichtet, zu Seinem Haus zu pilgern – jene, die dazu die Möglichkeit  finden. Doch wenn jemand den Glauben verleugnet, so ist Gott wahrlich auf Seine Geschöpfe nicht angewiesen.” (Sura Al-i ‘Imran, Verse 96 & 97) Die Gelehrten sind sich darin einig, dass durch diesen Vers die Hajj zur Pflicht für alle Muslime erhoben wird.

1. Die ‘Umra: Besuch des Hauses Allahs in Mekka zu jeder beliebigen Jahreszeit, auch im Zusammenhang mit der eigentlichen Hajj.

2. Die Hajj: Die eigentliche Wallfahrt zum Hause Allahs, zusammen mit dem Besuch der übrigen Heiligen Städte in der Umgebung von Mekka (Arafat, Muzdalifa, Mina). Sie kann nur zu einer ganz bestimmten Zeit (9.-13. Dhu-l Hijja) einmal im Jahr durchgeführt werden.

Damit eine Hajj rechtmässig, d.h. gültig ist, müssen zwei Grundpflichten (arab.: Rukn,

pl.: Arkân) erfüllt werden:

1. Wuqûf (Stehen) in Arafat

2. Tawâf Al-Ifâda (Besuchs-Tawâf, d.h. die siebenmalige Umschreitung der Ka’ba)

Wird eine dieser beiden Arkân ausgelassen, so ist die Hajj ungültig und muss bei nächster Gelegenheit wiederholt werden. Dazu gibt es noch eine Reihe anderer Dinge, die getan werden müssen, deren Auslassung aber durch das Opfern eines Tieres vergolten  werden kann. Es gehören u.a. dazu:

 Sa’i (Laufen zwischen den Hügeln Safa und Marwa, welche sich neben der Ka’ba

befinden).

 Wuqûf in Muzdalifa

 Steinigen der Säulen (Jamarât) in Mina

 Beachten der Verbote im Zustand des Ihrâm (Weihezustand).

 u.a.

Sowohl Hajj als auch ‘Umra müssen, wie oben bereits angedeutet, im Zustand des Ihrâm  ausgeführt werden. Nach einer gründlichen Körperreinigung (Ghusl, Nägelschneiden,  Entfernen der Haare unter den Achseln und im Schambereich) legen die Männer ihre  Ihrâm-Kleidung an. Sie besteht lediglich aus zwei etwa 1-2 m grossen, weissen, nahtlosen Tüchern: Izar und Rida. Der Izar (Hüfttuch) wird so um den Unterleib gebunden, dass er die männliche Aura bedeckt, d.h. den Bereich von über dem Nabel bis unter die Knie. Der Rida (Schultertuch) kann ganz einfach über die Schultern geworfen werden. Für die Frauen besteht keine spezielle Bekleidungsvorschrift. Sie tragen die übliche islamische Kleidung, welche ausser Gesicht und Händen den ganzen Körper  verhüllt. Im Zustand des Ihrâm werden dem Pilger einige Verbote auferlegt, so u.a.:

 Bedecken des Gesichts (bei Männern auch des Kopfes).

 Haare oder Nägel schneiden oder auf irgend eine Art und Weise entfernen.

 Streiten und Kämpfen.

 Geschlechtsverkehr und Dinge, die dazu führen können (Küssen u.s.w.)

 Tiere jagen oder dabei behilflich sein.

 u.a.

Es bleibt noch zu erwähnen, dass es drei Arten der Hajj gibt:

1. Hajj Tamattu': Man verrichtet zuerst eine ‘Umra und danach die Hajj, wobei man

dazwischen den Ihrâm ablegt und jeweils getrennt die entsprechende Niyya fasst

2. Hajj Qirân: ‘Umra und Hajj werden nacheinander verrichtet ohne dazwischen den

Ihrâm abzulegen. Die Niyya wird deshalb auch nur einmal, ganz am Anfang gefasst.

3. Hajj Ifrâd: Es wird nur die Hajj mit der entsprechenden Niyya verrichtet.

Nach dieser kurzen Zusammenfassung der wichtigsten Dinge im Zusammenhang mit der Hajj, möchte ich nun den praktischen Aspekt etwas ausleuchten und meine ganz persönlichen Erlebnisse schildern. Am 15. Juni 1990 war es endlich soweit: nach mühseligen Vorbereitungen (Visa, Flugtickets, obligatorische Checks etc.) reisten wir mit einer Gruppe von zwölf Brüdern und Schwestern nach Genf, um dort eine saudische Maschine nach Jidda zu besteigen. Hier erlebten wir auch schon unsere erste  Überraschung: niemand von uns hatte erwartet, dass die Besatzung (insbesondere die Hostessen) einer sogenannten “islamischen” Fluggesellschaft sich in keiner Weise von irgendeiner europäischen unterscheiden würde! Von Hijâb (islamische Bedeckung der Frau) oder dergleichen keine Spur!…

Trotz dieses “Schocks” gleich zu Beginn unserer Reise kamen wir dann nach einem rund fünfstündigen Flug in Jidda an, wo wir einer peinlich genauen Pass-, Gepäck- und Leibeskontrolle unterzogen wurden. Nach rund einer Stunde konnten wir dann endlich das Zollgebäude verlassen Das erste Bild, das wir von diesem uns fremden Land gewannen, war eindrucksvoll: Überall auf dem überdachten Flughafengelände herrschte  emsiges Treiben; fast an jeder Ecke hatte sich irgendeine Gruppe von Pilgern niedergelassen, um sich zunächst einmal von den Reisestrapazen zu erholen; an den vielen Schaltern bildeten sich immer wieder vollkommen ungeordnete Haufen von Menschen, welche noch irgendeine Formalität zu erledigen hatten. Auch wir konnten nicht einfach faul herumsitzen, sondern mussten als nächstes die Flugtickets nach Medina  besorgen. Dass dies nicht so einfach wie in der Schweiz geht, merkten wir schon sehr bald… Kurzum, gerade rechtzeitig konnten wir uns wieder einchecken und nach einem etwa 50 minütigem Flug erreichten wir endlich unser langersehntes, erstes Reiseziel:

Medinat un-Nabî, die Stadt des Propheten. Das Gefühl, das uns überkam, als wir zum erstenmal heiligen Boden betraten ist nicht in Worte zu fassen. Dies war also nun die gesegnete Erde, in der der Prophet (a.s.s.) und seine Gefährten (r.a.) vor vierzehnhundert Jahren ihre Spuren hinterlassen hatten… Wie in einem Film zogen in unseren Köpfen die Erinnerungen an die vielen Geschichten und Berichte aus jener Zeit an uns vorbei: die Hijra, die Schlachten von Badr und Uhud… Allah (t.) hatte es uns ermöglicht, selbst einmal in unserem Leben diesen Boden zu betreten…Gemäss einem Hadith des Propheten (a.s.s.) wird den Pilgern empfohlen, während der  Hajj-Zeit 40 Gebete in der Prophetenmoschee zu verrichten, d.h. mindestens 8 Tage in Medina zu verweilen (Musnad, Ahmad Ibn Hanbal). Wir liessen uns deshalb in einem Wohnheim für Studenten nieder, in welchem wir schon vorher zwei Zimmer, eins für die Brüder und eins für die Schwestern, reserviert hatten. Das “Mobiliar” bestand aus einigen, dünnen Schaumstoffmatten, welche als Liegestätten für die Nachtruhe dienten und einer Kilmaanlage, welche so unglücklich installiert war, dass sie einen erkältungsfördernden Luftzug quer durch das Zimmer verursachte. WCs, Duschräume und Waschmöglichkeiten waren für mehrere Zimmer gemeinsam eingerichtet. Alles war sauber und genügte den bescheidenen Ansprüchen der Pilger vollauf. Durch einen 10 bis 15 minütigen Fussmarsch konnten wir die Prophetenmoschee erreichen. Das Gelände in Medina ist flach, so dass dies auch in der brütenden Mittagshitze kein Problem darstellte. Natürlich empfiehlt es sich für uns “Europäer”, niemals die Kopfbedeckung abzunehmen (Sonnenschirm oder Kufiyya – Kopfbedeckung der Männer in Arabien) und gegebenenfalls eine Sonnenbrille aufzusetzen, zumal wenn man sich wie wir sich zur fast heissesten Jahreszeit dort befindet Auch sollte man beim Genuss des köstlichen, gekühlten Wassers, welches fast an jeder Strassenecke gratis zur  Verfügung gestellt wird, äusserst vorsichtig sein.

Die Prophetenmoschee besteht aus 3 Gebäudekomplexen: das ersten Gebäude steht an der Stelle, wo sich früher die eigentliche Moschee des Propheten (a.s.s.) sowie sein ehemaliges Haus befanden. Es enthält sowohl die Mihrab (Gebetsnische des Vorbeters), die Minbar (Kanzel für das Freitagsgebet) sowie die Gräber des Propheten (a.s.s.) und seiner beiden Gefährten Abu Bakr und ‘Umar (r.). Die Gräber sind natürlich nicht zugänglich, sondern befinden sich hinter einer vergitterten Wand und werden streng bewacht. Während der Hajj-Periode gibt es wohl keine Zeit, in der dieser Moscheeteil nicht mit betenden, Qur’an rezitierenden und weinenden Pilgern überfüllt ist. Dies ist auch nicht verwunderlich, denn hier betete und wohnte unser geliebter Prophet

Muhammad (a.a.s.), und hier wurde er begraben, uns daran erinnernd, dass auch er nur ein Mensch war und deshalb eines Tages sterben musste. Wie heisst es denn so treffend im Qur’an:

“Zu Ihm (Allah) gehören wir und zu Ihm ist unsere Rückkehr.” (Sura Al-Baqara, Vers 156)

Das zweite Gebäude ist unmittelbar an jenes erste angebaut und wurde im wesentlichen zur osmanischen Zeit errichtet, während der dritte Komplex, welcher sich damals noch im Bau befand, nach seiner Fertigstellung eine riesige Gebetsfläche links und rechts der eigentlichen Prophetenmoschee abdeckt. Denn die Zahl der Pilger ist inzwischen derart gestiegen, dass die ersten beiden Gebäude schon lange nicht mehr ausreichten und die meisten ihre Gebete ausserhalb, unter provisorisch mit Stoffdächern abgedeckten Plätzen verrichten mussten. Nur wer sich früh genug zur Moschee begab, konnte sich noch einen Platz in ihrem Innern ergattern. Rings um die Prophetenmoschee, welche das Zentrum Medinas bildet, befindet sich ihre  “Altstadt”, in der sich Geschäft an Geschäft, Stand an Stand reihen. Man kann hier alles Erdenkliche erstehen: vom Kassettenrekorder aus Japan bis zur Gebetsuhr aus der Schweiz, von Datteln aus Medina bis zu Orangen aus Spanien. So schlendern die meisten Pilger, welche aus aller Herren Länder gekommen sind und sich meist durch ihren für ihre Rasse typischen Körperbau (z.B.: “grosse starke” Europäer und “kleine zierliche” Asiaten) und ihre für ihr Land typische Kleidung voneinader unterscheiden, zwischen den Gebetszeiten durch die breiten Strassen und engen Gassen, um sich mit Obst und Gemüse für das selbstgekochte Abendessen einzudecken oder Geschenke für die Verwandtschaft zuhause einzukaufen. Für uns “Europäer” ist dabei immer wieder völlig ungewohnt, dass um praktisch jede Ware gefeilscht wird. Kein Kunde kommt hier jemals auf die Idee, den Preis, den der Ladenbesitzer auf Anfrage nennt, einfach zu akzeptieren!

Nein, es wird solange verhandelt, bis man sich geeinigt hat. Das handeln ist schliesslich im Islam erlaubt, solange kein Wucher getrieben wird. Bei der grossen Konkurrenz besteht diesbezüglich aber keine Gefahr.

Nach dem Besuch des Schlachtfeldes von Uhud und verschiedenen, bedeutenden Moscheen ausserhalb Medinas packten wir unser Gepäck auf einen gemieteten, riesigen “Ami-Schlitten” und machten uns auf eine Wüstenfahrt über eine dreispurige, asphaltierte Autobahn(!) quer durch die Wüste nach Mekka. Vorher hatten wir noch unseren Ihrâm angelegt, denn wir würden bald in den heiligen Bezirk eintreten. Auf alle Fälle wird uns Medina immer in bester Erinnerung bleiben und wir alle sehnen uns danach, der Stadt des Propheten (a.s.s.) und seiner Moschee so bald wie möglich wieder einen Besuch abstatten zu können, inscha’Allah.

Die fünfstündige Fahrt quer durch die Wüste Saudi Arabiens brachte uns schließlich an unser eigentliches Ziel: Makkat ul-Mukarrama, die edle und erhabene Stadt. Fünf Stunden, das ist für uns eigentlich eine kurze Zeit. Den meisten Pilgern wird deshalb die eigentliche Hijra des Propheten Muhammad (a.s.s.) und seiner Gefährten gar nicht richtig bewußt. Sie brauchten damals rund 2 Wochen und konnten nicht, wie die meisten Pilger heutzutage, in einem vollklimatisierten und bequem gepolsterten Reisebus Platz nehmen und mit 100 km/h durch die Wüste brausen…

Als wir die Stadtgrenze Mekkas erreichten, überkam uns alle ein unbeschreibliches Gefühl. Wir waren alle zutiefst gerührt und Tränen standen uns in den Augen. Allah (t.) hatte es uns also ermöglicht, den Boden zu betreten, von dem aus der Prophet (a.s.s.) mit der Verkündung der göttlichen Botschaft an die gesamte Menschheit begonnen hatte…

Da wir nur eine äußerst ungenaue Beschreibung des Hauses, in dem wir wohnen sollten hatten, dauerte es über eine Stunde, bis wir es endlich gefunden hatten. Weil in Mekka die wenigsten Straßen Namen haben, mußte sich unser Chauffeur mühselig durchfragen. Einer versuchte sogar, indem er sich als Besitzer des Hauses, welches wir suchten ausgab, uns in seinem Haus aufzunehmen! Mit Allahs Hilfe aber fanden wir schließlich  unsere neue Unterkunft. Besitzerin war eine pakistanische Schwester, die, geschieden von ihrem saudischen Ehemann, zusammen mit ihrer netten kleinen Tochter Nabila in ihrem Haus lebte und die Zimmer in den oberen beiden Stockwerken das Jahr hindurch an Pilger und ‘Umra-Reisende vermietete. Nachdem wir uns einigermaßen eingerichtet und ein bißchen von den Strapazen der Reise erholt hatten, bereiteten wir uns auf den Tawâf für die ‘Umra, welche wir noch vor der eigentlichen Hajj durchführen mußten, vor. Gegen Mitternacht betraten wir dann zum ersten Mal den Beyt-Ullah, das Haus Allahs. Beim Anblick der Ka’ba, des riesigen, mit einem schwarzen Samttuch bedeckten Gebäudes überkam uns wieder jenes unbeschreibliche Gefühl der tiefsten Gerührtheit und der innigsten Freude. Wir betrachteten in diesen ersten Augenblicken den scheinbar nie abreissenden Strom von Pilgern, welche betend, flehend und weinend den Tawâf ausführten. Auch wir begannen alsbald mit unserem Begrüssungs-Tawâf mit anschliessender Sa’i. Zuerst grüssten wir den Schwarzen Stein (Hajar ul-Aswad) mit den Worten “Bismillahi, Allahu akbar!” (Im Namen Allahs, Allah ist der Grösste!), um danach die Ka’ba teils gehend, teils laufend im Gegenuhrzeigersinn zu umrunden. Jedesmal, wenn wir an der Ecke, wo der Schwarze Stein eingelassen ist vorbeikamen, dachten wir natürlich daran, uns ihm zu nähern, um ihn vielleicht küssen zu können. Doch das Gedränge um den Stein herum war derart groß, dass es unmöglich war, bis zu ihm vorzudringen, ohne andere Brüder und  Schwestern zu behindern oder gar in Schwierigkeiten zu bringen. So begnügten wir uns mit dem einfachen Gruss. Nachdem wir die Ka’ba siebenmal umrundet hatten, beteten wir das kurze Tawâf-Gebet und begaben uns hinunter zu der Zamzam-Quelle, um von dem herrlich frischen und kühlen Zamzam-Wasser zu trinken. Frisch gestärkt konnten wir uns dann an den letzten Teil machen: die Sa’i, das Hin- und Herlaufen zwischen den beiden Hügeln As-Safa und Al-Marwa. Hier kam uns unweigerlich Hajar (Hagar) in den Sinn, wie sie, verzweifelt nach Wasser für ihren Sohn Ismail suchend, siebenmal in der glühenden Wüstenhitze zwischen diesen beiden Hügeln hin- und hergelaufen war, bis Allah (t.) sie schließlich die Zamzam-Quelle entdecken ließ… Nach rund zwei Stunden  kehrten wir schließlich müde und erschöpft in unser Haus zurück, wo wir dann unseren Ihrâm endlich ablegen konnten.

In den folgenden Tagen versuchten wir so oft wie möglich die Zeit zu nutzen, um das Haus Allahs zu besuchen und den Tawâf auszuführen. Daneben unternahmen wir ausgedehnte Spaziergänge, um Stadt und Menschen besser kennenzulernen. Dabei fiel uns schon sehr bald der Unterschied zwischen den Bewohnern Medinas und jenen Mekkas auf. Während erstere überaus nett und gastfreundlich sind, dominiert bei letzteren eher der kühl rechnende, handelsmännische Sinn. Dies hinderte uns aber nicht daran, unsere Einkäufe nebenher zu tätigen, obwohl die Preise während der Hajj-Zeit um ein vielfaches steigen, wie man uns sagte…

Schließlich war es dann endlich soweit: Am Nachmittag des 8. Dhu-l Hijja legten jene, welche sich zu Fuß zur etwa 20 km entfernten Arafat-Ebene begeben wollten den Ihrâm an und marschierten in das nahegelegene Mina, um dort in bereits vorreservierten Zelten die Nacht zu verbringen. Nach dem Morgengebet ging es dann weiter in Richtung Arafat, wo sie dann im Laufe des Morgens ankamen. Die anderen folgten am selben Morgen mit einem gemieteten Bus. In Arafat richteten wir uns dann wiederum in den bereits vorbereiteten Zelten ein und ruhten uns ein wenig von der Reise aus. Am Nachmittag dieses ersten Tages des Opferfestes (‘Id ul-Adha) schließlich begaben wir uns dann auf die freie Arafat-Ebene hinaus, um die Waqf zu vollziehen: wir hoben unsere Hände zur Du’a und baten Allah (t.) um Verzeihung für all unsere Fehler und Sünden, die wir bis anhin, bewußt oder unbewußt, begangen hatten. Die Atmosphäre, die dort herrschte ist kaum zu beschreiben: fast 2 Millionen Muslime, Brüder und Schwestern aus aller Welt hatten sich versammelt, um unter der sengenden Sonne Allah (t.), dem Schöpfer und Erhalter aller Welten zu huldigen und Ihn um Verzeihung und Vergebung zu bitten. Alle Brüder waren dabei in ihren weissen Ihrâm gekleidet, der jeglichen Unterschied in der sozialen Stellung, des Ranges, der Rasse und der Kultur verwischt. Genauso würde es am Tage der Wiederauferstehung sein, wenn alle Menschen vor Allah (t.) versammelt werden und für ihre Taten hier auf Erden werden Rechenschaft ablegen müssen. Noch nie wurde uns vorher so deutlich vor Augen geführt, dass wir alle zu Allah (t.) gehören und dass zu Ihm unsere Rückkehr ist…

Abends begaben wir uns schließlich in das zwischen Arafat und Medina gelegene Muzdalifa, um die 70 Steine für die symbolische Steinigung der Jamarât (Säulen, welche den Schaitân, also Satan, symbolisieren) in Mina zu sammeln und unter freiem Himmel zu übernachten. Am Morgen des 10. Dhu-l Hijja machten wir uns dann schon früh nach dem Morgengebet auf den Weg nach Mina, um noch vor Sonnenaufgang unsere Zelte zu erreichen. Dort angelangt, entschlossen sich einige Brüder und Schwestern mit uns, nach einer kurzen Ruhepause, den großen Schaitan, d.h. die grosse Säule zu steinigen. Dieser Entschluss wurde uns aber fast zum “Verhängnis”, denn unser Weg führte uns durch den Tunnel in dem das grosse Unglück stattfand. Doch Allah (t.) ließ uns durch die geistesgegenwärtige Reaktion eines Bruders in der Mitte des Tunnels umkehren, als das Gedränge immer größer wurde und uns Gruppen von Pilgern entgegenkamen, welche uns aufgeregt zur sofortigen Umkehr aufforderten. So begaben wir uns mit Müh und Not (das Gedränge war indessen auch vor dem Tunneleingang derart gewachsen, dass wir mehrmals fast erdrückt wurden) in unsere Zelte zurück, noch nicht wissend was eigentlich genau passiert war. Erst später erfuhren wir, dass es aus irgendwelchen Gründen zu einer Katastrophe in dem Tunnel gekommen war. Hunderte von Brüdern und Schwestern wurden dabei erdrückt und zu Tode getrampelt, ohne dass sie eine Chance zur Flucht gehabt hätten… Möge Allah (t.) Sich ihrer Seelen erbarmen (amin). Erst am Nachmittag wagten wir uns dann zusammen mit einer großen Gruppe von Brüdern und Schwestern wieder auf den Weg zu den Jamarât. Wir nahmen dann aber nicht mehr die Abkürzung durch den Tunnel, welcher ohnehin gesperrt war, sondern wir marschierten fast 2 Stunden in der glühenden Hitze außen herum und konnten so die Steinigung des großen Säule, welche den großen Schaitan symbolisiert, vornehmen. Mit dem Ruf “Bismillahi, Allahu akbar!” warfen wir 7 Steine und vetrieben durch diese  Steinigung den Schaitan aus unserem eigenen Leben, so wie dies Ibrahim (a.s.) tat, als er seinen Sohn für Allah (t.) opfern sollte. Inscha’allah wird diese Vertreibung bis zu unserem Tode anhalten…

Wieder in unsere Zelte zurückgekehrt liessen wir ein Opfertier in einem speziell dafür vorgesehenen Schlachthof schlachten und konnten dann, nach dem Kürzen der Haare zum letzten Mal unseren Ihrâm ablegen. Am Abend begaben wir uns dann nach Mekka, um den Tawâf Al-Ifada (Besuchs-Tawâf) und die Sa’i der Hajj durchzuführen. Das Gedränge war natürlich unbeschreiblich groß, da fast alle Pilger mit derselben Absicht in  das Hause Allahs gekommen waren. In den folgenden 2 Tagen, d.h. also am 11. und 12. des Monats Dhu-l Hijja hielten wir uns noch weiterhin in unseren Zelten in Mina auf, um jeden Tag die kleine, mittlere und grosse Säule mit je 7 Steinen zu steinigen. Die Säulen sind von einer runden, etwa 1 m hohen Mauer umgeben. Damit die Hajj auch wirklich gültig ist, müssen die Steine in den von der Mauer umgrenzten Bereich fallen. Da der Andrang dort aber um diese Zeit unglaublich groß ist (rund 2 Millionen Pilger müssen diese Steinigung zur selben Zeit vornehmen), ist auch die Gefahr, dass man erdrückt oder gar zertrampelt wird sehr gross. Die saudische Regierung ließ, um der riesigen Anzahl von Pilgern gerecht zu werden, eine Brücke über den ganzen Platz der Jamarât bauen, damit diese von 2 “Stockwerken” aus gesteinigt werden können. Dies hat aber dazu geführt, dass sich unzählige malaysische und indonesische Brüder und Schwestern unter dem schützenden Schatten der Brücke rings um die Jamarât eingerichtet haben, so dass der Zugang zu den Säulen dort noch zusätzlich erschwert wird, denn kein Quadratzentimeter freier Platz bleibt hier ungenutzt…

Am 5.Tag des ‘Id ul-Adha war schließlich der Tag unserer Abreise gekommen. Wir machten uns, nachdem wir noch einen Abschieds-Tawâf im Beyt-Ullah ausgeführt hatten daran, unsere Koffer zu packen, denn unser Flugzeug sollte um 23.30 Uhr in Jidda abheben. Also bestellten wir auf 19.00 Uhr einen Minibus, der uns und unser Gepäck in das 80 km entfernte Jidda bringen sollte. Normalerweise dauert diese Reise etwa eine  Stunde, wir brauchten aber mehr als drei! Denn unterwegs hatten wir eine Reifenpanne und das Ersatzrad war seinen Namen nicht wert. So mußten wir im Schneckentempo auf dem Pannenstreifen bis zur nächsten Tankstelle rollen, um ihn dort zu wechseln. Bei der Luftkontrolle der anderen, noch “guten” Reifen explodierte zu allem Überfluss noch einer… Nachdem wir dann nochmals mehr als eine halbe Stunde verloren hatten, weil unsere beiden Chauffeure nicht wußten, auf welchem der beiden Flughäfen in Jidda unser Flugzeug abfliegen sollte, erreichten wir es gerade noch rechtzeitig, alhamdu-lillah. Und nach einem erneut rund fünfstündigen Flug kamen wir wohlbehalten in Genf an…Möge Allah (t.) unsere Hajj annehmen und allen Muslimen die Gelegenheit geben, sie  durchzuführen zu können (amin).